WENN NACHFOLGER NICHT NACHFOLGEN WOLLEN

Nicht von schlechten Eltern

Wenn Nachfolger nicht nachfolgen wollen

Diesen Blog habe ich vor rund 2 Jahren geschrieben und heute, im September 2022, bekommt dieser Inhalt angesichts der gesamtwirtschaftlichen Lage wieder ganz neues Gewicht. Ein Grund, diesen Blog nochmals leicht überarbeitet zum Thema Nachfolge vom Stapel zu lassen. Denn Hand aufs Herz, der ein oder andere Unternehmer hat in den letzten wirtschaftlich durchaus guten Jahren die anstehende Nachfolge noch etwas verschoben. Nun hat der Wind gedreht und als Unternehmer hat man mit Situationen und Herausforderungen zu kämpfen, die manche -und ich hoffe es sind sehr wenige- in eine existenzbedrohende Situation bringen können. Gut, Krisen gehören zum Geschäft und jeder Unternehmer weiß damit umzugehen. Doch diesmal scheinen die Dinge etwas anders zu liegen, ohne einen Blick in die Zukunft wagen zu wollen. Ganz sicher ist aktuell nur eins: Ein hohes Maß an Unsicherheit. Nur logisch, dass ein potentieller Nachfolger oder Übernehmer nun nochmals in sich geht und überlegt, ob es das Risiko und die Mühe wert ist. Für Außenstehende ist dies eine Abwägung und eine analytisch zu treffende Entscheidung. Für Familienmitglieder wird es hingegen hochemotional, wenn man sich gegen die Übernahme des zumeist elterlichen Betriebs entscheidet.

Was ist also, wenn jetzt die Nachfolger nicht nachfolgen wollen?

Was zunächst als gut gelungener Marketingspruch klingt, über den man gerne lächelt, zeigt sich bei näherem Hinsehen und nach einigen Überlegungen von einem ganz anderen Licht. Das Lächeln weicht einer ernsten Betrachtung und mit etwas Nachforschung, Internetrecherche und eigenen Gesprächen mit - nennen wir es jetzt - Betroffenen, kommt man ins Grübeln.
Wenn Kinder in die elterliche Unternehmensnachfolge NICHT eintreten wollen, landet der Malus meist bei den Kindern bzw. bei den Nicht-Nachfolgern. Schließlich haben die Eltern ein Unternehmen geschaffen, ein Vermögen erarbeitet. Und dies muss wertgeschätzt werden. Auch eine aufkommende Krise sollte dem nicht entgegenstehen, es ist schließlich nicht die erste Rezession.
Wertschätzung wird dabei oft mit einer selbstverständlichen Nachfolge gleichgesetzt. Aber ist diese Sicht der Dinge nicht vollkommen falsch und nicht zuletzt auch schädlich für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft oder des Unternehmens?
Wir reden hier über die familieninterne Nachfolge von Unternehmen, die in den Medien ganz oft noch immer von einem unterschwellig konservativen und zumeist überholten Verständnis der Unternehmensnachfolge geprägt ist. Viele Unternehmensinhaber sind aber heute meist erheblich weiter, als dies in einzelnen bekannten Wirtschaftspublikationen wiedergegeben wird.
Warum konservativ? Diese Begründung liegt auf der Hand: Der Unternehmer möchte sein Lebenswerk weitergeben, das Geschaffene erhalten und der nächsten Generation weitergeben. Diese Einstellung ist verständlich und ehrenhaft. Aber leider nicht immer zielführend.

Es wird Zeit, einen neueren und frischen Blick auf das Thema der familieninternen Nachfolge zu lenken.

Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass es für einen Unternehmer völlig selbstverständlich ist, dass die Kinder im Rahmen der Nachfolgeplanung das Unternehmen übernehmen wollen. Diese Sicht der Dinge halte ich für mehr als überholt und in vielen Situation wohl auch alles andere als realistisch.
Gerade aber die generationenübergreifende Übergabe und Fortführung von Unternehmen hat eine vernichtend geringe Bedeutung in Deutschland, wenn man auf diese Zahl achtet: Die Lebensdauer von Unternehmen in Deutschland ist zumeist eher kurz. Im Netz kursieren Angaben der unternehmerischen Lebensdauer in einer Bandbreite von 9-15 Jahren. Von generationenübergreifender Fortführung kann hier in der großen Masse daher nicht die Rede sein. Es wird Zeit, einen neueren und frischen Blick auf das Thema der familieninternen Nachfolge zu lenken.

Zwei Aussagen stehen den medial geführten Diskussionen diametral gegenüber:

Viele Eltern wollen Ihr Unternehmen gar nicht mehr ihren Kindern übergeben.
Ein Unternehmensverkauf an Dritte erscheint deutlich lukrativer und das Loslösen wird inzwischen als Chance für einen neuen Lebensabschnitt gesehen. Die Bindung an das eigene Unternehmen sinkt. Dies allein ist eine eigene Diskussion wert.
Fakt ist aber auch: Viele Kinder wollen das Unternehmen Ihrer Eltern nicht übernehmen. Das hingegen ist nicht neu, aber die Gründe hierfür sind deutlich differenzierter zu betrachten als die Diskussionen, die in leider auch manchmal oberflächlicher Manier geführt werden.

Die Zahlen sind evident: Am Markt und mit ein paar Klicks sind schnell einige Studien zu beschaffen und zu lesen, die alle zumeist auf den gleichen Extrakt kommen. Die demographische Veränderung in Deutschland hinterlässt natürlich bei den Unternehmern die gleichen Spuren wie am allgemeinen Arbeitsmarkt. Es kommen immer mehr Unternehmer an das Ende Ihres Arbeitslebens und der Umgang mit der Unternehmensnachfolge ist höchst unterschiedlich.
Um es vorweg zu nehmen, ich habe die folgenden Erkenntnisse weder empirisch untersucht noch wochenlange Nachforschungen betrieben. Die folgenden Punkte geben zumeist die eigene jahrelange Erfahrung bei Unternehmensverkäufen weiter, unterlegt durch Eindrücke aus dem persönlichen Umfeld bei anderen Unternehmern und den dabei geführten zumeist sehr offenen Gesprächen.

Wie so oft – die Gründe sind komplex:

1. Nicht loslassen können

Ich erinnere mich an eine Geschichte eines Mandanten. Er erzählte mir, dass sein Vater die Firma am 65. Geburtstag an ihn, den Junior, übergeben wollte, dieses punktgenau vollzogen hatte und die Firma danach nicht mehr betreten hatte. Tatsache, aber vermutlich ein Einzelfall. Die meisten können eher nicht loslassen und möchten weiter mitreden. Oder die Nachfolge und Übergabe wird immer wieder verschoben bzw. der Senior ist automatisch im Beirat und redet – Augenzwinkern – nur noch mit, wenn er gefragt wird. Vielleicht fließen auch noch erhebliche Mittel als Rente an den Senior, die der Finanzkraft des Unternehmens nicht förderlich sind.

2. Immer diese Plattitüden: Die junge Generation ist leistungsfern und verwöhnt

Damit kann man es sich einfach machen. Möglicherweise gibt es eine veränderte Einstellung zu Leben und Arbeit. Die inzwischen negativ besetzte Begrifflichkeit Work-Life-Balance steht hier immer wieder dafür ein. Aber bringt es eine Gesellschaft nicht auch weiter, wenn vieles auf dem Prüfstand steht? Wachstum als oberstes Ziel hat sicherlich für Wohlstand gesorgt, aber ob das langfristig der richtige Weg ist?

3. Unternehmen sind nicht mehr zukunftsfähig. Der Nächste wird es richten?

Deutschland wird für seine Innovationsfähigkeit gerühmt. Doch auf den zweiten Blick ist vieles nicht so innovativ wie wir es uns wünschen würden. Unternehmen haben sich weiterentwickelt, haben entlang der eigenen Wertschöpfungskette expandiert und viele haben die Globalisierung der letzten Jahre als Chance genutzt. Doch wir leben nun in einer Zeit, die radikale Veränderungen mit sich bringt und viele Unternehmen vor existentielle Fragen stellen wird. Dies erfordert Mut, Loslassen und extrem viel Energie.

4. Unternehmer sein macht keinen Spaß mehr: Bürokratie, gesellschaftlicher Wandel, zu wenig Gründungen

Allein in diesem Jahr (Hinweis des Verfassers: Der Blog ist überarbeitet, die Angaben daher älter) hatte ich zwei Mandaten, die mir erklärten, sie hätten einfach keine Lust mehr und möchten ihr Unternehmen daher verkaufen. So einfach, so gar nicht gut. Nur noch Vorschriften, Prüfungen, bürokratische und widersprüchliche Hürden. Neue Regularien, die in der Praxis keinen Sinn geben, aber dem Unternehmen immer mehr abverlangen. Dieses ist nicht nur unnütz, sondern zumeist frustrierend. Im Übrigen haben sich seit der ersten Erstellung dieses Blogs die Anzahl der Vorschriften und Regularien trotz politisch geäußertem Bürokratieabbau nochmals deutlich erhöht.

5. Unternehmer sein ist keine genetische Veranlagung

Nachfolger werden, nur weil die Eltern Unternehmer sind? Nicht selten wird das Unternehmen einem familiären Ziel untergestellt, welchem sich alle unterzuordnen haben. So wie der Gründer die Freiheit hatte, ein Unternehmen vor einiger Zeit zu gründen - so hat der (Nicht-)Nachfolger das Recht und die Freiheit, eine eigene Berufswahl und damit Zukunftswahl zu treffen.

6. Digitaler Wandel und Automatisierung sowie andere Herausforderungen

Nur ganz wenige Geschäftsmodelle werden in den nächsten Jahren so bestehen bleiben wie heute. Ich habe manchmal immer noch das Gefühl, dass gerade die Möglichkeiten des digitalen Wandels und der Automatisierung vielfach unterschätzt werden. Digitaler Wandel, Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Veränderungen und aktuelle Themen wie Lieferkettenbruch, ESG, Energiepreise, Arbeitermangel schaffen einen hohen Veränderungs- und Anpassungsdruck.

7. Spannende Unternehmen, Start Ups, Nachhaltigkeit etc.

Es gibt viele spannende neue Unternehmen wie z.B. aus der digitalen Welt, die eine wachsende Schar an Mitarbeitern benötigen. Unternehmen, die Zukunft versprechen und viele davon auch umsetzen werden. Ebenso ist Nachhaltigkeit nahezu wie ein Magnet für viele Mitarbeiter. Zukunftsfähigkeit und Innovation erfordern oft erhebliche Investitionen und multinationale Wissensarbeit. Warum z.B. nicht für eine gewisse Zeit in einem großen Innovation Lab mitarbeiten? Möglichkeiten gibt es viele. Insofern ist es mehr als verständlich, wenn die potentiellen Nachfolger/innen sich nicht für das elterliche Unternehmen entscheiden.

8. Wir sind alle ein Opfer des Wohlstands

Ein Opfer des Wohlstands mag provokant klingen und vermutlich auf den ersten Blick wieder mit der Anschuldigung der Bequemlichkeit in Verbindung gebracht werden. Ja, es wurde viel erreicht in den vergangenen Jahrzeiten, wir leben auf einem sehr hohen Niveau und nicht wenige befürchten, dass Deutschland Gefahr läuft, dies alles wieder zu verspielen. Aber der bisherige Wohlstand wird mit den althergebrachten Mitteln weder zu verteidigen und noch weniger zu mehren sein. Neue Wege sind gefragt, neue und frische Ideen.

9. Die Arbeitswelt verändert sich - wer bleibt schon bei seinem Job ein Leben lang

Diese Veränderungen machen sich auch in der Arbeitswelt bemerkbar. Jobs ändern sich, Anforderungen ändern sich. Viele Berufe kommen und gehen. Ein Leichtes, diese Entwicklungen auch auf die Unternehmenswelt zu übertragen. Das was ein Unternehmen heute produziert, herstellt, liefert, als Dienstleistung anbietet – wird dies in der Zukunft Bestand haben? Damit stellt sich natürlich auch die Frage, welchen Sinn es macht, in ein tradiertes Unternehmen mit möglicherweise in Frage zu stellenden Geschäftsmodellen einzusteigen?

10. Und es gibt sie doch, die Nachfolger

Stimmt. Und zum Glück. Denn es gibt fantastische Familienunternehmen in unserem Land, die sehr geschickt mit dem Thema Nachfolge umgehen, frühzeitig die richtigen Weichen stellen und auch rechtzeitig erkannt haben, dass hier neue Wege gegangen werden müssen. Ich habe Respekt vor diesem Mut, in große Fußstapfen zu treten, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich mit voller Energie ins Risiko zu werfen.

Ein Land voller potentieller Unternehmer
Und denken Sie dran, Nachfolger müssen nicht aus der Familie kommen. Ich bin überzeugt, es gibt viele potentielle Unternehmer in unserem Land, die das ein oder andere Unternehmen in eine prosperierende Zukunft führen wollen und können.

Wir unterstützen Sie dabei.

Ich freue mich über Ihre Kommentare. Ihr Harald Fischer

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